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 Abstraktionen I

Kölner Stadtanzeiger vom 28./29. April 2001

Alte Feuerwache

Die Spannung zwischen Mensch und Mensch

Ein ungewöhnlicher Tanzabend von und mit Catharina Gadelha

ABSTR1

(Bild: Wolfgang Weimer)

von Basil Nikitakis

Gerda König liegt auf dem Boden, ihre langen Haare sind ausgebreitet. Die unter Muskelatrophie leidende Künstlerin hat nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, sich zu bewegen, ihr langsames Spiel mit den Fingern ist noch das dynamischste davon. Von Anfang an bestimmt die “Besonderheit” ihres kleinen Körpers mit seinen ungewohnten Proportionen die Spannung in ihrem älteren Stück “Body Distance between the minds”. Der Tänzer Marc Stuhlmann legt sich neben sie, die zaghafte Annährerung wird von seiner Seite abrupt abgebrochen. Als Gerda König in ihrem Rollstuhl sitzt, kehrt sich die Machtbalance um: Sie jagt ihn durch den Raum.

Drei Stücke mit der DIN A 13 Tanzcompany und Catharina Gadelha in der Alten Feuerwache, jedes ein Duo. Auch “Abstraktionen” von Catharina Gadelha ist eine Wiederaufnahme und thematisiert dioe Spannungen zwischen Mann und Frau. Auch wenn Gadelha in ihrem roten Kleid und mit ihrer langen, durch den Raum gewirbelten Haarpracht als Inkarnation der Weiblichkeit erscheint, ist sie es doch, die ihren Partner Eduardo Castro Neves immer wieder fängt, ihn trägt und hält, nachdem er sie wieder und wieder heftig angesprungen hat. “Abstraktionen” ist eine intelligente, ausdrucksstark vorgetragene Performance, die Rollenmuster ganz selbstverständlich durchbricht.

“CorpObscuro” schließlich, die einzige Premiere des Abends, ist ein ruhiges Stück, vielleicht auch deswegen, weil die Polarität der Geschlechter fehlt. In einem hautfarbenen, engen Trikot stecken Gadelha und König zusammen, so sehen sie aus wie ein ungleiches siamesisches Zwillingspaar. Gadelha zieht sich und ihre “Schwester” an, zu leisen Klavierklängen steht sie auf, und Gerda Königs Fußspitzen berühren erst dann den Boden, als Gadelha in die Knie geht und ihre Bahn entlang des Bühnenrands zieht. Es sind ganz sparsame Gesten oder Veränderungen in der Mimik, Blickrichtungswechsel, Variationen des Lächelns, die die Eigenheiten und Gemeinsamkeiten der beiden herausarbeiten. Der “obskurale Körper” ist keine Freakshow, sondern eine behutsame Annäherung an das zweifache Wesen in dem einen Körper, seine ganz besondere Harmonie. Was fast wieder an Platons ”Kugelmenschen” erinnert und den Grund, warum Männer und Frauen ein Leben lang nach dem einen, dem richtigen Partner suchen. In Catharina Gadelha hat Gerda König ihn für diesmal gefunden.

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